Aktionen

Schachturnier Baden-Baden 1870

Aus Stadtwiki Baden-Baden

Das Schachturnier in Baden-Baden 1870 war eines der ersten internationalen Turniere der Schachgeschichte. Es fand im Juli 1870 im Kurhaus Baden-Baden statt und fiel damit in die Zeit des Ausbruchs des Deutsch-Französischen Kriegs. Auch wenn das Turnier durchgeführt werden konnte, wurde es dennoch nicht unerheblich durch den Krieg beeinflusst.

Kongressprogramm[Bearbeiten]

Das originale Kongressprogramm[1]:

Internationaler Schachkongress zu Baden-Baden
den 15. Juli 1870

Dirigirendes Comité:
Se. Durchlaucht der Fürst Stourdza ... Präsident
Herr von Turgenjeff ... Vizepräsident
Herr Kolisch ... Sekretär
Herr Theophil Weih ... Schatzmeister
Herren Baron Maythény, Heinrich von Haber, Oberst Morgan

Programm:
I. Revision und Feststellung der Schachspielregeln.
II. Großes Internationales Schachturnier zwischen den stärksten Spielern der Gegenwart.
III. Handicapturnier zwischen Schachspielern von verschiedener Stärke.
IV. Beratungspartien.
V. Bankett zu Ehren der Sieger.

I. Revision und Feststellung der Regeln.
Der Kongress hält zwei Sitzungen, um die Schachspielregeln endgültig festzustellen. In der ersten, am 15. Juli stattfindenden, wird über den Entwurf der Gesetze für das Schachspiel abgestimmt. Während der Dauer des Kongresses wird derselbe an die hervorragendsten Schachspieler Europas gesendet mit dem Ersuchen, den Entwurf zu genehmigen oder etwaige Bemerkungen und Zusätze beizufügen.

II. Großes internationale Schachturnier. / Preis von Baden: 3000 Frcs.
Die Schachspieler aller Länder können sich um diesen von der Administration des Konversationshauses von Baden ausgeschriebenen Preis bewerben. Der Einsatz beträgt 50 Frcs., die an den Schatzmeister vor dem 1. Juli eingezahlt werden müssen. Jeder Spieler spielt 3 Partien mit jedem Mitbewerber. Unentschiedene Spiele werden jedem für eine halbe Partie gerechnet. Die Zeit ist auf eine Stunde für 20 Züge festgestellt. Der Spieler, der diese Grenze überschreitet, verliert die Partie. Wer die meisten Spiele gewonnen hat, ist Sieger des Preises von Baden; der unmittelbar zunächst kommende Spieler erhält den zweiten Preis, der aus den Einsätzen besteht.

III. Handicapturnier.
Die Schachspieler aller Länder, die sich am Handicap beteiligen wollen, haben 20 Frcs. an den Schatzmeister einzuzahlen. Aus diesen Einsätzen werden die Preise gebildet. Das Comité teil die Spieler in 4 Klassen ein. Die erste Klasse gibt der zweiten Bauer und Zug vor, der dritten Bauer und zwei Züge, der vierten den Springer. Die zweite Klasse gibt der dritten Bauer und Zug, der vierten Bauer und zwei Züge vor. Die dritte Klasse gibt der vierten Bauer und Zug vor. Über die zusammengehördenden Spieler entscheidet das Los. Die Verlierenden treten aus und die Gewinnenden fahren im Spiel fort, bis nur noch zwei Kämpfer um den ersten und zweiten Preis übrig bleiben. Die Zeit ist auf 30 Züge pro Stunde festgestellt; der dieselbe überschreitende Mitbewerber verliert die Partie. Jeder Gang wird durch den Gewinn der ersten Partie entschieden. Der erste Preis enthält zwei Drittel der Einsätze, der zweite Preis das andere Drittel.

IV. Beratungspartien.
Der Sekretär wird dieselben zwischen den besten anwesenden Spielern organisieren. Die Preise werden nach den verfügbaren Geldern des Schatzes festgestellt.

V. Bankett.
Nach der Preisverteilung wird zu Ehren der Sieger ein Bankett unter dem Vorsitze Sr. Durchl. des Fürsten Stourdza und des Vizepräsidenten, des Herrn von Turgenjeff stattfinden.

Beide Turniere werden nach den Regeln des Internationalen Kongresses von London 1862 gespielt.

Die Tagesordnung beider Turniere wird vom Sekretär des Kongresses angefertigt und den Abend vorher am Kongresslokale angeschlagen.

Alle zwischen den Spielern vorkommenden Streitigkeiten werden von den durch das Comité hierzu aufgestellten Herren Baron Maythény und Kolisch endgültig entschieden.

Turnierregeln[Bearbeiten]

Die originalen Turnierregeln [2]:

Spiel-Gesetze des Großen Internationalen Schachturniers. Preis von Baden 3.000 Frcs.

§I
Jeder Spieler hat mit jedem der eingeschriebenen Mitbewerber drei Partien zu spielen. Unentschiedene Spiele werden jedem der beiden Gegner als halbe Partie angerechnet. Der Gewinner der größten Anzahl Partien erhält den Preis von 3000 Frcs., der Nächstfolgende den zweiten, aus den Einsätzen bestehenden Preis.

§II
Haben zwei Bewerber, im Besitze der größten Anzahl von Gewinnpartien, die gleiche Anwartschaft auf den ersten Preis, so spielen dieselben um den ersten und zweiten Preis einen Match, welcher durch die zwei ersten Gewinnpartien entschieden wird. Derselbe Match findet auch in ähnlichem Fall um den zweiten Preis statt.

§III
Das Spielt beginnt vom 18. Juli an jedem Morgen im Kongresslokale um 9 Uhr. Jede Partie wird ohne Unterbrechung so lange fortgesetzt, bis sie zu Ende geführt ist. Dauert die Partie weniger als drei Stunden, so sind die Spieler verpflichtet, nachmittags um 4 Uhr eine zweite zu beginnen und ebenfalls ohne Unterbrechung auszuspielen. Nach Verlauf von drei Stunden der Dauer einer Partie hat jeder Spieler das Recht 1/4 Stunde Erholungsfrist zu beanspruchen.

§IV
Jeder Spieler muss per Stunde mindestens 20 Züge gemacht haben. Die in den ersten Stunden ersparte Zeit kommt ihm jedoch für die späteren Züge zugute. Der seine Zeit überschreitende Spieler verliert die Partie. Die Uhr des Spielers, der zu bestimmten Stunde nicht erschienen ist, wird in Gang gesetzt und die durch Verspätung verlorene Zeit als Bedenkzeit angerechnet. Bei einer Verspätung von 1 1/2 Stunden wird ihm die Partie als verloren angerechnet. Fehlen beide Spieler, so wird nach 1 1/2 Stunden die Partie beiden als verloren angerechnet. Keinerlei Privatarrangements kann die Durchführung der vorstehenden Regeln beirren.

§V
Der Gewinner jeder Partie muss vor Beginn des nächsttagigen Spiels dem Sekretär eine leserliche Abschrift derselben übergeben, widrigenfalls ihm die Partie als remis angerechnet wird. Ist die Partie remis geworden, ist der Anziehende verpflichtet, die Ablieferung der Kopie zu besorgen, da ihm die Partie sonst als verloren angerechnet wird.

§ VI
Der Anzug wechselt mit jeder Partie, gleichviel ob sie gewonnen, verloren oder unentschieden geblieben. Vor Beginn des Turniers wird durch Los entschieden , mit welchem Gegner jeder der Mitbewerber in der ersten Partie den Anzug erhält und gegen welche er ihn verliert.

§VII
Die Spieler, die untereinander zu spielen haben, werden durch das Los gepaart und wird die Tagesordnung im Kongresslokale angeschlagen. Es steht den Bewerbern frei, ihre freie Zeit zu Turnierpartien, zu denen sie durch die Tagesordnung nicht verpflichtet werden können, zu benutzen; doch müssen diese Partien ebenfalls im Kongresslokale gespielt werden.

§VIII
Als Spielgesetze gelten die im Buche des Londoner Kongresses von 1862 enthaltenen Gesetze.

§IX
Die zwischen Mitbewerbern vorkommenden Streitfälle, sowie Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung der Regeln, werden von den Herren Baron Maythény und Kolisch endgültig geschlichtet. Dieselben Herren sind auch beauftragt, vorstehendes Reglement für alle darin nicht vorgesehenen Fälle zu vervollständigen.

Teilnehmer[Bearbeiten]

Spieler Heimat Geburtstag Alter beim Turnier
Adolf Anderssen Breslau 06.07.1818 52
Joseph Henry Blackburne London 10.12.1841 28
Johannes Minckwitz Leipzig 11.04.1843 27
Gustav Richard Ludwig Neumann Berlin 15.12.1838 31
Louis Paulsen Blomberg 15.01.1833 37
Samuel Rosenthal Paris 07.09.1837 32
Wilhelm Steinitz London 14.05.1836 34
Adolf Stern Ludwigshafen 25.12.1849 20
Cecil Valentine de Vere London 14.02.1845 25
Simon Winawer Warschau 05.03.1838 32

Turnierverlauf und Ausgang[Bearbeiten]

Platz Spieler 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Punkte
1. Anderssen 1 1 1 ½ 0 0 1 1 1 ½ 1 0 1 1 1 0 + + 13,0
2. Steinitz 0 0 0 ½ 1 1 1 1 1 1 1 1 ½ 0 ½ 1 1 1 12,5
3. Blackburne 0 ½ 1 ½ ½ 0 1 0 1 1 1 ½ 1 1 ½ ½ + + 12,0
4. Neumann 1 1 0 0 ½ 1 0 1 0 1 1 1 1 1 0 ½ + + 12,0
5. Paulsen 0 0 0 0 0 1 1 0 1 0 1 ½ ½ + 1 ½ + + 9,5
6./7. de Vere 0 ½ 0 0 0 0 1 0 0 1 0 1 0 1 + + + + 8,5
6./7. Winawar 0 1 0 0 0 ½ 0 0 0 ½ 1 0 1 1 1 ½ + + 8,5
8./9. Minckwitz 0 0 ½ 1 0 0 0 0 ½ - 1 0 0 0 + + 1 1 7,0
8./9. Rosenthal 0 1 ½ 0 ½ ½ 1 ½ 0 ½ - - 0 ½ - - + + 7,0
10. Stern - - 0 0 - - - - - - - - - - 0 0 - - 0,0


Quellen[Bearbeiten]

  • Das Schachturnier zu Baden-Baden 1870 / Der Unbekannte Schachmeister Adolf Stern von Stefan Haas 2006, Verlag: Schachzentrale Rattmann, Ludwigshafen ISBN 3-88086-190-0

Einzelnachweise:

  1. Haas 2006 (s.o.), S. 22 f. / Originalquelle: NBSZ 1870, S. 124 f.
  2. Haas 2006 (s.o.), S. 24 f. / Originalquelle: DSZ 1870, S. 235 ff.; Badeblatt 1870, S. 458